Mittelalter
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EINLEITUNG |
Mittelalter, in der europäischen
Geschichte Bezeichnung für die Epoche zwischen Antike und Neuzeit, die in etwa
von der Völkerwanderung im 4. bis 6. Jahrhundert bis zur Reformation im
beginnenden 16. Jahrhundert reicht. Geprägt wurde der Begriff von den
Humanisten Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts. Sie waren der
Auffassung, dass diese „dunkle” Epoche durch einen Verfall von Kultur und
Bildung gekennzeichnet sei und sich dadurch deutlich von der kulturellen Blütezeit
der Antike einerseits und der Wiedergeburt der antiken Traditionen in der
Renaissance andererseits absetzte. Der negative Beiklang des Begriffs
„Mittelalter” verstärkte sich noch ab dem 17. Jahrhundert, vor allem aber
während der Aufklärung.
Die genaue zeitliche Abgrenzung
des Mittelalters von Antike und Neuzeit ist in der Forschung umstritten, ebenso
die Periodisierung des Mittelalters selbst in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter,
je nachdem, welche politischen, sozialen, wirtschaftlichen oder geistesgeschichtlichen
Entwicklungen und welches der europäischen Länder man als
Periodisierungsgrundlage annimmt.
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DAS FRÜHMITTELALTER |
Der Übergang von der Antike
zum Mittelalter wird nicht durch ein Einzelereignis markiert. Weder die
Eroberung Roms durch die Goten unter Alarich I. im Jahr 410 noch die
Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus im Jahr 476
bedeuteten für die Zeitgenossen epochale Einschnitte. Die Datierungsversuche
der Forschung reichen vom 3. Jahrhundert und der Krise des Römischen Reiches
bis zur Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800 und der Erneuerung des
Römischen Reiches; als Übergangszeit von der Antike zum Mittelalter definiert
man heute in der Regel die Zeit der Völkerwanderung vom 4. bis
6. Jahrhundert und die damit verbundene Konfrontation der Germanen mit der
Kultur der Antike und dem Christentum. Allerdings bedeutete das Eindringen der
Germanen in das Römische Reich nicht den völligen Untergang der antiken Kultur
und ihrer sozialen und wirtschaftlichen Strukturen, wie in der älteren
Forschung behauptet wird. Dort, wo das Römische Reich über Jahrhunderte prägend
gewirkt hatte, blieben die alten Strukturen, Institutionen und Traditionen
teilweise erhalten, denn die Germanen kamen nicht nur als Eroberer, sondern
waren bereit, am Vorhandenen zu partizipieren.
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2.1 |
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Zersplitterung der Herrschaftsgewalt |
Mit dem Zerfall des Römischen
Reiches und der Herausbildung kleinerer Herrschaftsstrukturen brachen auch die
übergeordnete Herrschaftsgewalt und die relativ vereinheitlichten Verwaltungsstrukturen
zusammen. Die neuen Herrschaftsbereiche gründeten auf aus dem germanischen
Stammesrecht tradierten Personenverbänden, angefangen von der
Hausgenossenschaft über Sippen und Gefolgschaften bis hin zum Stammesverband.
Die Herrschaft in allen ihren Ausprägungen ging aus der Grundherrschaft hervor,
d. h. der Verfügungsgewalt des Haus- und Grundherrn über Haus und Grund
und die darauf lebenden Personen, und wurde von einer sich über die
Grundherrschaft konstituierenden Adelsschicht ausgeübt. Kern der
Personenverbände waren verwandtschaftliche Bande. Durch grundherrschaftliche
und später lehensrechtliche Beziehungen (siehe Feudalismus) wurden die
Verbände über die eigentlichen Familien hinaus ausgeweitet und im
Personenverbandsstaat zusammengefasst, an dessen Spitze der König stand. Dessen
Status wurde durch die kirchliche Salbung bedeutend aufgewertet, ebenso durch
die Eingliederung der Kirche in den weltlichen Herrschaftsverband durch das
Eigenkirchenwesen.
Die frühmittelalterliche Gesellschaft
war agrar- und naturalwirtschaftlich geprägt; Handel und Geldwirtschaft
verloren zwar im Vergleich zur Antike an Bedeutung, verschwanden aber nie
völlig.
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2.2 |
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Die Kirche |
Die einzige übergreifende
Institution war die Kirche, doch selbst hier ist eine Fragmentierung der
Herrschaftsgewalt zu beobachten. Innerhalb der Kirchenhierarchie lag ein
Großteil der Macht in den Händen der einzelnen Bischöfe. Der Bischof von Rom
hatte als Nachfolger Petri und als Papst theoretisch eine gewisse
Vormachtstellung, aber bis zur Ausbildung der kirchlichen Hierarchie mit dem
Papst als tatsächlichem Oberhaupt sollten noch einige Jahrhunderte vergehen.
Dennoch wirkte die Kirche den
zentrifugalen politischen Kräften und regionalen Eigenentwicklungen entgegen in
Richtung auf eine Vereinheitlichung sowohl im Bereich der Verwaltung als auch
im spezifisch kirchlichen Bereich, etwa in Liturgie und Klosterordnung. Daneben
war sie der einzige bedeutende Kulturträger: Zum einen bewahrten die Klöster
zumindest Teile des antiken Bildungsgutes, zum anderen war es fast
ausschließlich der Klerus, der des Schreibens und Lesens kundig war. Mit dem
vom Papsttum unterstützten Aufstieg der Karolinger im 8. Jahrhundert und
der Kaiserkrönung Karls des Großen entfernte sich das Papsttum vom Byzantinischen
Reich, unterstellte sich dem Schutz des fränkischen Kaisers und leitete damit
die endgültige Trennung des lateinischen Abendlandes vom griechischen Byzanz
ein.
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2.3 |
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Kultur und Wissen |
Im frühen Mittelalter bedeutete
Kultur in erster Linie Bereitstellung und Systematisierung des Wissens aus der
Vergangenheit. Die Werke klassischer Autoren wurden kopiert und zum Teil mit
Anmerkungen versehen. Enzyklopädische Werke wurden zusammengestellt, wie
z. B. die Etymologiae (um 623), in denen Isidor von Sevilla das
gesamte Wissen seiner Zeit versammelte. Im Mittelpunkt aller Wissenschaft stand
die Heilige Schrift, weltliches Wissen dagegen galt lediglich als Voraussetzung
für deren Verständnis.
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DAS HOCHMITTELALTER |
Auch die Abgrenzung zwischen
Früh- und Hochmittelalter wird, je nach nationalem, geistes- und
politikgeschichtlichem Blickwinkel, unterschiedlich definiert. Aus deutscher
Sicht bietet sich dazu die Entstehung des deutschen Reiches in der ersten
Hälfte des 10. Jahrhunderts als Eckdatum an; die neuere Forschung dagegen
setzt die Mitte des 11. Jahrhunderts als Beginn des Hochmittelalters an,
da sich um diese Zeit ein umfassender Wandel vollzog, der den größten Teil
Europas betraf und beinahe alle Lebensbereiche umfasste. Er wurde besonders
durch das deutliche Bevölkerungswachstum ausgelöst, das bis ins
14. Jahrhundert anhielt. Der gestiegene Nahrungsbedarf erforderte
Verbesserungen der Produktionsmethoden in der Landwirtschaft sowie die
Erschließung neuer Anbauflächen und Siedlungsgebiete. Diese wiederum bedingten
einen Aufschwung in Handwerk und Handel, der seinerseits die Geldwirtschaft
wieder belebte und zur Einrichtung neuer Märkte und damit zum Aufschwung der
Städte führte. Neben dem wirtschaftlichen Wachstum war die Epoche durch eine
hohe Mobilität gekennzeichnet, und zwar sowohl durch eine horizontale,
d. h. räumliche, vor allem durch das Drängen der Landbevölkerung in neue
Siedlungsgebiete und Städte, als auch durch eine vertikale, also soziale, etwa
durch den Aufstieg unfreier Bauern zu freien Städtern oder von Vasallen oder
Ministerialen zu Rittern. Wirtschaftlicher Aufschwung und Mobilität standen in
Wechselwirkung zueinander, bedingten und förderten einander.
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3.1 |
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Das Papsttum |
Im Hochmittelalter besaß die Kirche
mit ihrer klaren Hierarchie, an deren Spitze der Papst stand, die am stärksten
differenzierte Herrschafts- und Verwaltungsstruktur. Das Papsttum verfügte
nicht nur über ausgedehnten Territorialbesitz in Mittel- und Norditalien,
sondern suchte verstärkt mit seinem hierokratischen Herrschaftsanspruch das
bisher unumstrittene gleichberechtigte Nebeneinander von weltlicher und
geistlicher Herrschaft zugunsten einer Vorherrschaft der Kirche bzw. des
Papsttums aufzulösen. Vor allem in Deutschland manifestierte sich diese
Auseinandersetzung zwischen weltlicher und geistlicher Herrschaft im
Investiturstreit. Forciert durch diese Auseinandersetzung und die damit
verbundene Frage nach Status und Aufgabe der Kirche und ihrer Vertreter,
entstanden überall in Deutschland kirchliche Reformbewegungen. Das Hochmittelalter
war eine Blütezeit der geistlichen Orden. Neue Orden entstanden, wie der der
Zisterzienser, die sich am weltlichen Siedlungswerk und der Erschließung neuer
Nutzflächen beteiligten, z. B. durch das Trockenlegen von Sümpfen und
durch Rodungen.
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3.2 |
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Der geistige Aufbruch |
Der gesamte kulturelle Bereich war
von einer beispiellosen Aufbruchsstimmung geprägt. Es entstanden neue
Bildungseinrichtungen, wie Dom- und Klosterschulen; die ersten Universitäten
wurden in Paris und Bologna gegründet, an denen neben Theologie auch Medizin
und Recht gelehrt wurden. Die medizinischen Schriften der Antike, von denen
viele durch arabische Gelehrte vor dem Verlust bewahrt worden waren, wurden
wieder entdeckt und übersetzt. Sowohl das Kirchen- als auch das Zivilrecht
wurde systematisiert, vor allem an der Universität Bologna, kommentiert und wie
nie zuvor einer kritischen Betrachtung unterzogen. Die neue Art des Umgangs mit
einem Forschungsgegenstand regte neue Methodologien an, die sich überaus
fördernd auf alle Gebiete der Wissenschaften auswirken sollten. Die Scholastik
entfaltete breite Wirksamkeit, man studierte wieder die Schriften der
Kirchenväter, beschäftigte sich mit theologischen Fragestellungen und
diskutierte problematische Bereiche der christlichen Tradition.
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3.3 |
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Wandel in Kunst und Literatur |
Auch in Literatur und
bildender Kunst manifestierte sich die Aufbruchsstimmung des Hochmittelalters.
Schreib- und Lesefähigkeit waren nicht mehr länger auf den Klerus beschränkt;
auch schrieb man nicht mehr nur in Lateinisch, sondern erstmals auch in den
jeweiligen Volkssprachen. Die Literatur bediente sich nun auch anderer als
geistlicher und philosophischer Stoffe und richtete sich an ein vornehmlich
adeliges Publikum, das Bildung und Muße hatte, sie zu lesen. In der Malerei
wandte man sich der Darstellung von Emotionalität, der Natur und der
Alltagswelt zu, und in der Architektur fand die Romanik ihren Höhepunkt,
während sich bereits die Gotik ankündigte, die in den folgenden Jahrhunderten
die Baukunst bestimmen sollte.
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3.4 |
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Die neue Einheit |
Die Kirche war zur überragenden,
länderübergreifenden Institution geworden. Durch den Handel war ganz Europa
zudem zu einer wirtschaftlichen Einheit zusammengebunden worden, vor allem dank
der italienischen Händler und Bankiers, die in Frankreich, England, Deutschland
und Nordafrika operierten. Reisen, ob als Pilger, Händler oder zum Studium an
einer Universität, wurde verhältnismäßig einfach und sicher. Das
Hochmittelalter war aber auch die Zeit der Kreuzzüge zur Befreiung der heiligen
Stätten der Christenheit aus der Hand des Islam. Diese von der Kirche
initiierten „bewaffneten Pilgerfahrten” zogen Menschen aus allen Schichten und
Teilen Europas an.
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4 |
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DAS SPÄTMITTELALTER |
Die Wende vom 12. zum
13. Jahrhundert gilt heute gemeinhin als der Übergang vom Hoch- zum
Spätmittelalter. Um diese Zeit wurden einige wichtige verfassungspolitische
Weichen gestellt: In Frankreich etwa hatte sich endgültig die Erblichkeit der
Monarchie durchgesetzt, während in Deutschland der staufische Erbreichsplan
gescheitert war und sich das Wahlprinzip verfestigt hatte, was mit dazu
beitrug, dass in Deutschland bis zum Ende des alten Reiches 1806 keine
dauerhafte, übergreifende, effektive Verwaltungsstruktur ausgebildet werden
konnte. Weitere wichtige Daten zur Periodisierung sind der Fall Jerusalems
1187, die Verkehrung des Kreuzzugsgedanken auf dem 4. Kreuzzug 1202 in
reine Eroberungspolitik und die Errichtung des kurzlebigen Lateinischen
Kaiserreiches in Byzanz 1204 (siehe Byzantinisches Reich).
War das Hochmittelalter noch durch
Aufschwung und Konsolidierung gekennzeichnet, so machte sich im Spätmittelalter
eine allgemeine Krisenstimmung breit, hervorgerufen durch die Pestepidemien zu
Beginn des 14. Jahrhunderts mit ihren gewaltigen Menschenverlusten, durch
Missernten und Hungersnöte sowie die Krise des Papsttums. Diese Krisenstimmung
machte sich in verschiedenen Bewegungen Luft: im Flagellantentum, in
Judenverfolgungen, Bauernaufständen und Revolten in den Städten; Letztere
hatten jedoch nicht den Umsturz der bestehenden Ordnung zum Ziel, sondern
verlangten lediglich die Ausmerzung von Missständen. Trotz der Krise ging der
Aufschwung der Städte weiter und im Zusammenhang damit der Aufschwung der
Geldwirtschaft. Ebenfalls in Zusammenhang mit der Entwicklung der Städtekultur
stand die Erweiterung des Bildungsangebots, sowohl hinsichtlich der Inhalte –
im Spätmittelalter begann der Aufstieg der Naturwissenschaften – als auch der
Anzahl der Schulen und Universitäten.
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4.1 |
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Die neue Frömmigkeit |
Die Krisenstimmung hatte eine
intensive Suche nach direkter Gotteserfahrung zur Folge, sei es durch die
Ekstase mystischer Erleuchtung oder durch die persönliche Erforschung von
Gottes Wort in der Heiligen Schrift. In beiden Fällen war die etablierte Kirche
– sowohl in ihrer traditionellen Funktion als Deuter der Lehre wie auch als
Spender der Sakramente – eher ausgeschlossen als daran beteiligt.
Das andächtige Bibelstudium brachte
eine Vorstellung von Kirche hervor, der die real existierende Institution
Kirche nicht gerecht wurde. Christus und die Apostel standen für radikale
Einfachheit; viele Menschen nahmen das Leben Christi als Vorbild für ihr
eigenes und begannen, sich in apostolischen Gemeinden zu organisieren.
Bettelorden breiteten sich in ganz Europa aus. Zum Teil versuchten die neuen
Bewegungen, die Kirche von innen heraus zu reformieren, um sie zur
apostolischen Einfachheit und Reinheit zurückzuführen; zum Teil lösten sie sich
ganz von allen bestehenden Institutionen.
Oftmals zeichneten sich diese
radikalen religiösen Bewegungen, besonders in den Städten, durch
apokalyptischen oder bekehrenden Eifer aus. Nach den Pestepidemien in den
vierziger Jahren des 14. Jahrhunderts tauchten überall in Europa Büßer-
und Flagellantenbewegungen auf sowie Anhänger neuer Erlöser und charismatischer
„Heiliger”, die sich auf das Kommen eines neuen apostolischen Zeitalters
vorbereiteten.
Dieser Prozess der Suche und
Unrast endete zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit der Reformation, die
zugleich nach gängiger Forschungsmeinung das Ende des Mittelalters markierte.
Zur Abgrenzung des Mittelalters von der Neuzeit ebenfalls relevante Daten sind
die Entdeckung Amerikas und das Ende der Reconquista in Spanien 1492 sowie die
Blütezeit des Humanismus um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert.
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