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Hieraus resultiert jene provozierende Fragestellung, welche der »Kritik der reinen Vernunft« zugrunde liegt:
Wie ist überhaupt eine solche reine Erkenntnis, die ohne sinnliche Wahrnehmung auskommt, möglich,
was kann sie zu ihrem Inhalt haben, und kann sie Erkenntnis der Realität sein? Letzteres wird von Kant in der
»Kritik der reinen Vernunft als unmöglich dargetan: Nichts kann vom Verstand begrifflich erfaßt
werden, was nicht zuvor in der sinnlichen Erfahrung vorgegeben ist und wiederum durch sinnliche
Erfahrung beweisbar gemacht werden kann. Allein die Sinne bezeugen das Vorhandensein einer
realen Außenwelt. Wenn aber nun alle Erkenntnis mit der sinnlichen Erfahrung erst einsetzen kann, so
entspringt sie doch nur zu einem Teil der Erfahrung. Die andere Quelle der Erkenntnis sind die im
erkennenden Geist vor und unabhängig von aller Erfahrung (d. h., a priori) bereits vorhandenen
Formen der Anschauung (Raum und Zeit) und des Denkens (die Kategorien). Die Erforschung dieser
Anschauungsformen und Denkformen, eine Tätigkeit des Verstandes, die auf sich selbst
gerichtet ist, ist die einzig mögliche reine, d. h., unabhängig von der sinnlichen Erfahrung
stattfindende Erkenntnistätigkeit. Sie kann nicht auf Gegenstände selbst gerichtet sein, sondern hat zu
ihrem Inhalt die Bedingungen, unter denen Dinge gedacht werden können. Insofern ist die reine
Erkenntnis immer nur transzendental - im Gegensatz zur realen Erkenntnis. Der umgekehrte
Schluß, der daraus zu ziehen ist, ist folgender: Reale Erkenntnis vollzieht sich notwendig immer
schon unter der Bedingung der Eigengesetzlichkeit des Denkens. Infolgedessen können Erfahrung
und Denken niemals Dinge »an sich zum Inhalt haben,. sondern immer nur die Erscheinung der Dinge
(Phänomen), als das Ding »für mich. Reine gedankliche Konstruktionen hinsichtlich der
Dinge an sich (Noumenon) sind gar keine Erkenntnisse. Metaphysik kann so nach Kant nur die
Wissenschaft von den Grenzen der Vernunft sein. Wenn sie sich aber - wie es die dogmatische Metaphysik
tut - zu gedanklichen Konstruktionen wie z.B. der Existenz Gottes oder der
Unsterblichkeit der Seele versteigt, muß sie sich den Vorwurf eines Mißbrauchs der Vernunft gefallen lassen.
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